Wie ich mal ein paar nicht lustige aber lehrreiche Stunden hatte

Es ist 18.30 Uhr, die Sonne ist schon untergegangen als der Bus irgendwo  auf einer riesigen Schnellstraße anhält und der Fahrer mir zu verstehen gibt, das ich hier aussteigen soll.
Jetzt steh ich also mit Sack und Pack an einer kleinen Bushaltestelle etwa 12 Kilometer vom Zentrum der Stadt entfernt.
Der Bus fährt weiter.
Hoffentlich klappt das hier alles denke ich und genau in dem Moment hält ein Auto direkt neben mir.
In Sachen Timing ist Vu ein echter Meister!
Er begrüßt mich freudestrahlend, wirft meinen Rucksack auf den Rücksitz seines kleinen Chrysler und schon fahren wir los.
Ich erzähle ihm wie beeindruckt ich davon bin wie gut er das mit dem Bus und dem Abholen geregelt hat und wie nett ich es finde, daß ich bei ihm und seiner Familie übernachten darf.

Bevor wir zu Vu nachhause fahren machen wir einen Stop in einem Restaurant und auch wenn ich schon wieder vergessen hab wie mein Essen heißt, es ist richtig gut.

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Dann geht es endlich weiter.
Mein Gastgeber lebt mit seiner Familie in Distrikt 10 das am Rand von Ho Chi Ming City liegt.
Eigentlich dachte ich, das ich hier bei einer ainfachen vietnamesischen Familie lebe aber als wir das Haus in dem Vu lebt erreichen werde ich schnell vom Gegenteil überrascht.
Wir befinden uns in einer ruhigen neu gebauten Neubau Siedlung in der es zum einen sehr sauber und anscheinend auch sehr sicher ist, weil vor jedem Block ein Security Mann sitzt.
Auch das Apartment in dem Vu lebt ist zwar mit 60 qm nicht riesen groß aber verdammt gut und modern eingerichtet.

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Nach dem er mir sein Reich gezeigt hat, verabschiedet er sich um seine Frau und seine Tochter abzuholen.
Ich mache es mir in der Zeit auf dem Sofa bequem und schaue ein wenig Fern.
Nach einer halben Stunde ist dann endlich die kleine Familie komplett und ich finde, das mein vietnamesischer Kumpel eine ganz tolle Frau hat und sein 3 jährige Tochter einfach nur goldig ist.
Aller Dings ist die Kleine nicht nur goldige sondern auch sehr schüchtern und ist anscheinend mit dem Umstand, daß ein Fremder bei ihr Zuhause ist etwas überfordert.
Immer wenn ich in der Nähe bin hält sie sich die Augen zu und sucht Schutz bei Mutti.
Auch das Kuscheltier, das ich dem Mädchen schenke ändert nichts daran.

Ok, das gibt sich sicher noch.
Jetzt geht es erstmal mit Vu nach draußen ein Bierchen trinken.
Wir machen es uns vor einem Laden hier in der Siedlung bequem, trinken etwas und essen getrockneten Tintenfisch.
Gelegentlich komme Nachbarn vorbei und anscheinen kenn Vu jeden hier in der Siedlung.
Auf meine Frage warum er mich zu sich eingeladen hat ist die Antwort recht simpel.
Er freut sich immer wenn er die Gelegenheit hat sich mit Ausländern zu unterhalten um sein Englisch zu verbessern und weil ich ein netter Typ bin.

Als es dann Zeit ist schlafen zu gehen mache ich es mir auf meiner Bambusmatte bequem und schlafe sofort ein was auch gut ist, weil wir am nächsten Morgen schon um 7 Uhr aufbrechen wollen.

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Vu hat sich heute extra frei genommen um mir Saison zu zeigen.
Übrigens war auch meine Frage warum er den alten Namen seiner Heimatstadt benutzt einfach zu beantworten.
Saigon ist kürzer und einfacher zu sagen als Ho Chi Ming City.  Logisch!
Nach dem Vu seine kleine Familie zur Arbeit bzw. Kindergarten gebracht hat und wir uns im Cafe gegenüber ein kleines Frühstück gegönnt haben geht es mit dem Motorroller in die Stadt.
Auf der Fahrt darf ich dann auch live den berühmten chaotischen Straßenverkehr in Saigon mit erleben.
Tausende von Motorräder und Rollern, zwischen denen zum Teil nur Millimeter Platz ist drängen sich hier auf den Straßen.
„Wer in Saigon Motorrad fahren kann, kann überall auf der Welt ohne Probleme fahren!“

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Unser erster Ziel ist das „War Museum“ von dem ich schon viel gehört habe.
An der Kasse redet Vu kurz mit den Kassierer und wir bekommen ein Ticket.
Ich frage Vu ob er denn nicht mit kommen möchte.
Klar möchte er, weil er das Kriegs Museum obwohl er hier lebt noch nie besucht hat.
Dann brauchen wir aber eine 2. Eintrittskarte. Sage ich.
Als Antwort bekommen ich ein „Nein brauchen wir nicht, ich bin dein Guide.“
Schon klar…..😁
Vor dem Museum stehen schon einige Hubschrauber, Panzer und Flugzeuge, die wir aber erst später etwas genauer unter die Lupe nehmen wollen.
Das Museum ist auf 3 Etagen, natürlich
fangen wir unten mit unserem Rundgang an.
Viele Bilder von Demonstration gegen den Krieg aus aller Welt sind hier zu sehen.
Viele Poster mit spenden aufrufen wobei ich da natürlich die aus der DDR am spannendsten finde und auch sonnst ein paar nette und interessante Dinge zum Thema Vietnamkriege gibt es hier zu sehen.

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Dann geht es rauf in die 1. Etage.
Bis eben war das Museum noch ganz nett aber hier oben ist es alles andere als nett.
Überall hängen große Fotos und darunter sind die dazu gehörenden Geschichten oder wenigstens kurzer Beschreibungen dessen was in dem Momenten in denen die Bilder gemacht wurden geschah.
Viele Bilder zeigen einfach nur auf welche unmenschliche Art die Menschen fast zum Spaß auf unterschiedlichste grausame weise umgebracht wurden.
Auf manchen der Fotos kann man in die Augen verängslichter Frauen und Kinder schauen und weiß genau, das waren die letzten Sekunde bevor sie ohne das weiter drüber nachgedacht wurde erschossen wurden.
Frauen und Kinder, die genau so aussehen wie die, die mir hier in diesem Land überall zulächeln und winken.
Damals gab es nichts zu lachen……

Lange sind wir hier oben und ich bin wirklich schockiert was in dieser schlimmen Zeit der Bevölkerung dieses Landes angetan wurde.
Insgeheim bin ich auch froh, daß die Bilder die hier hängen alle in schwarz weiß sind, bei Farbfotos wäre mir sicher schlecht geworden.
Wärend ich also völlig perplex von einem schockierenden Foto zum anderen gehe und mir jede der furchtbaren Geschichten dazu durchlese, nimmt Vu das alles recht locker.
Er schaut sich auch die Bilder an aber ist fast mehr interessiert an den Bomben und Waffen, die hier ausgestellt sind.

Mal schauen was uns in der nächsten Etage erwartet.

Ich bin fast erleichtert über die Bilder im 2. Stock, weil es hier nicht mehr darum geht auf welche grausame und unmenschliche Art Männer, Frauen und Kinder umgebracht wurden.
Hauptthema hier oben ist die Vergiftung und Zerstörung von Feldern und Plantagen und die Spätfolgen dieser Maßnahmen.
Natürlich ist es auch nicht gerade schön sich Bilder von Geburt an entstellten Menschen anzusehen aber irgendwie ist es einfacher und zum Teil lächeln hier die Opfer der Spätfolgen in die Kamera, so daß man im Gegensatz zu den Bildern einen Stock tiefer weiß, daß die hier gezeigten Menschen weiter leben können.

Irgendwann wird es dann Zeit nach draußen zu gehen um und Hubschrauber und Panzer anzuschauen.
Ich hab auch schon im Vorfeld einen heißen Tipp bekommen, daß unter einem der Panzer ein Cache versteckt ist aber nach cachen ist mir wirklich nicht zu mute.
Vu bemerkt natürlich wie mich die Bilder schockiert haben und er erklärt mir, das es für ihn normal ist, weil er die Bilder alle schon kennt.
Ich sage ihm das ich es auch schlimm finde das manche Leute Kinder mit in das Museum nehmen.
Worauf mein „Reiseleiter“ nur wieder holt, das für Vietnamesen diese Bilder normal sind. Nicht schön aber jeder kennt sie.
Nur gut, das man so etwas in diesem Land heute nurnoch aus dem Museum und den Geschichtsbücher kennt.

Wer nach Saigon reist sollte sich dieses Museum auf keinen Fall entgehen lassen! Nicht schön was hier zu sehen ist aber es bringt einen doch sehr zum grübeln.

Dann geht es mit dem Roller wieder weiter.
Wir fahren in ein Straßenrestaurant in dem es laut Vu das beste Schweinefleisch der Stadt gibt.

Er hat recht! „Pork chop“ gegrilltes Schwein ist soziemlich das Beste was ich in Vietnam gegessen habe.

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Wir treiben uns noch ein wenig in der Stadt herrum und haben noch eine wichtige Mission.
Weil mein Visum in 2 Tagen ausläuft brauche ich ein Busticket nach Kambodscha.
Also fahren wir nach District 1 und gehen in eins der vielen Reisebüros.
11 Euro kostet mein Fahrkarte von Saigon nach Phnom Penh morgen früh um halb acht geht es los.
Weil Vu morgen arbeiten muss und ich sehr früh hier am Reisebüro abgeholt werde entscheide ich diese Nacht hier irgendwo zu schlafen.
15 Meter vom Reisebüro entfernt gibt es ein billiges Hotel und ich frage nach einem Zimmer.
Für 7 Euro bekomme ich einen Platz in einem 3 Bett Dorm. :mrgreen:
Wäre das also auch erledigt.
Langsam wird es auch Zeit wieder zurück nach District 10 zu fahren.
In der Siedlung setzten wir uns dann wieder draußen vor das Café und lassen es uns gut gehen.
Ständig kommen irgendwelche Freunde und Nachbarn von meinem Kumpel vorbei und es wird nie langweilig.

Als es langsam Zeit wird zu gehen werde ich noch zum Abendessen eingeladen.
Vu’s Frau hat win großartiges Essen gezaubert und auch seine Tochter traut sich langsam sich ein wenig mit mir zu beschäftigen.
Ich freue mich auch riesig, daß die Kleine das Kuscheltier, das ich ihr geschenkt hab überall mit hin schleppt.

Gegen 20 Uhr wird es dann Zeit mich zu verabschieden.
Ein tolles Erlebnis bei einer super lieben und gastfreundlichen Familie.


2 Gedanken zu “Wie ich mal ein paar nicht lustige aber lehrreiche Stunden hatte

  1. Gänsehaut pur. Ein Kollege war auch in diesem Museum. Ich habe ihm noch erzählt, dass unter einem der Panzer ein Cache versteckt ist, es gibt ein Spoilerfoto dazu. Als er wieder an der Arbeit war, sagte er, dass er sich nicht getraut habe, nch dem Döschen zu suchen, weil überall Wachposten mit Gewehren davor standen. Aber die Geschichte von Vietnam ist wirklich gruselig.
    District 10 erinnert mich irgendwie an den Film „Die Tribute von Panem“. Paß auf, dass du nicht in solche Spiele verwickelt wirst…;-))
    In der Heimat hat es heute geschneit. Gute Reise weiterhin…und liebe Grüße
    Hermann und Jossie

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  2. Das Museum kenne ich bislang nur aus Erzählungen, die allesamt dem entsprachen, was du schilderst – dieses bedrückende und beklemmende Gefühl und diese Fassungslosigkeit, was damals passiert ist.
    Das würde ich mir dennoch sehr gerne mal in echt ansehen, zumal ja auch ein nicht unwesentlicher Teil der DDR-Geschichte damit zusammenhängt. Wir haben damals schliesslich auch (eigentlich unwissend ob der Zusammenhänge) Plakate gemalt, auf denen wir Solidarität deklarierten mit Menschen, Dingen und Themen, zu denen wir überhaupt keinen echten Bezug hatten – geschweige denn verstanden haben, worum es geht…

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